Wie man 34 Prozent Radverkehrsanteil erreicht und Kindern selbstständige Mobilität ermöglicht – das waren die Kernthemen beim Besuch des ehemaligen Lustenauer Langzeitbürgermeisters Kurt Fischer im Klosterneuburger Rathaus und beim Infoabend mit Verkehrsplaner Hermann Knoflacher, dem Verkehrssicherheitsexperten Klaus Robatsch (KFV) und Sue Milischowsky von der Radlobby Klosterneuburg.

Die Radlobby lud „Fahrradbürgermeister“ Kurt Fischer am 28. März nach Klosterneuburg ein, weil er in Lustenau das umgesetzt hat, was sich auch in Niederösterreich viele Menschen wünschen: ein fußgänger- und radfreundliches Umfeld. 30 Prozent Radverkehrsanteil bis 2030 setzte sich die Marktgemeinde Lustenau zum Ziel. Doch schon vor zwei Jahren erreichte sie 34 Prozent – den höchsten Radverkehrsanteil Österreichs.

„Wenn die Oma mit dem Enkelkind nicht zur Musikschule radeln kann, dann haben die Gemeinde und die Eltern ein Problem“, sagt Fischer, ein ehemaliger Lehrer und Unternehmer, der für die ÖVP im Landtag saß und von 2010 bis 2025 Bürgermeister in Lustenau war. Jetzt können Oma und Enkel das – dank eines Verkehrskonzepts von Professor Hermann Knoflacher, einer engagierten Verwaltung und in Kooperation mit den Vorarlberger „plan b“-Gemeinden und den Schweizer Nachbarn bei Verkehrsplanung und -management.

Chancengleichheit und Kinderrechte

„Im Ortsgebiet gilt es, Chancengleichheit für Fußgänger und Radfahrer gegenüber dem Auto zu schaffen“, zitiert Fischer einen Kernsatz aus Knoflachers Konzept. Und an dieser Chancengleichheit – auch und gerade für Kinder, ältere oder mobilitätsbeeinträchtigte Menschen – arbeiteten Fischer und sein Team 15 Jahre lang. Strahlend erzählt er über seine Begegnung auf dem Weg nach Klosterneuburg im Bus zum Bahnhof Dornbirn: „Ich kam mit einer älteren Dame ins Gespräch. Sie ist 91 und fährt in Lustenau jeden Tag mit dem Fahrrad, weil sie sich sicher fühlt. Nur nach Dornbirn ist es ihr zu weit.“

Um die sichere Erreichbarkeit aller wichtigen Alltagsziele für aktiv mobile Menschen zu gewährleisten und Chancengleichheit herzustellen, braucht es ein Bündel an Maßnahmen:
• Tempo 30 abseits der Landesstraßen als Regelgeschwindigkeit
• Begegnungszonen mit Tempo 20 in besonders sensiblen Bereiche wie vor Schulen
• Fahrradstraßen, die den motorisierten Durchzugsverkehr unterbinden
• baulich getrennte Radwege, wo höheres Tempo als 30 herrscht, und Querungshilfen
• Lückenschluss und Einbindung in das regionale und internationale Radverkehrsnetz
• Kontrolle von Tempo, Durchfahrtsverboten etc.

Vom Fahrradbürgermeister zum Fahrradbotschafter

Fischer traf am Vormittag Bürgermeister Christoph Kaufmann und Politiker:innen aller im Klosterneuburger Gemeinderat vertretenen Parteien. Am Abend erntete er viel Applaus bei der gemeinsamen Infoveranstaltung mit Hermann Knoflacher, dem Verkehrssicherheitsexperten Klaus Robatsch (KFV) und Sue Milischowsky von der lokalen Radlobby. Sie unterrichtet Klavier an der Musikschule Klosterneuburg und meinte: „Für die Kinder in unserer Stadt ist es fast ein tägliches Überlebenstraining, um in die Schulen zu kommen.“

Es brauche immer drei von einander unabhängige Partner, die einander aber grundlegend vertrauen, erklärte Knoflacher, politische Menschen mit Verantwortung, Weitblick und Offenheit für Neues, Experten, die wissen, wie man mit diesem System verantwortungsvoll umgeht, und eine Verwaltung, die das umsetzen kann. „Für einen Erfolg muss man diese drei multiplizieren, und wenn dann eine Null dabei ist, kommt eben nichts heraus. Lustenau war ein Glücksfall, weil da alles über einen längeren Zeitraum hinweg zusammengekommen ist.“

Knoflacher erstellte Verkehrskonzepte unter anderem für Klosterneuburg (1987) und Lustenau (2010), in denen nach eigener Aussage mehr oder weniger dasselbe drinnen stehe. Aber diese würden „offensichtlich unterschiedlich gelesen“.

Eine Frage der Sicherheit

Über die Jahrzehnte sei die Anzahl der Verkehrstoten in Österreich stark gesunken, von rund 3.000 Toten im Jahr 1973 auf 400 im Vorjahr, berichtete Klaus Robatsch. „Was aber ansteigt, sind die Kinderunfälle. Wir hatten im Vorjahr 9.500 im Straßenverkehr verunglückte Kinder, die so schwer verletzt wurden, dass sie im Krankenhaus behandelt werden mussten, vor zehn Jahren waren es nur rund 5.000.“

„49 Prozent der im Straßenverkehr Verletzten sind zu Fuß, mit Fahrrad, E-Bike oder E-Scooter unterwegs“, so Robatsch. „Das liegt nicht zuletzt an einer qualitativ und quantitativ schlechten Radinfrastruktur. Wir müssen bei der Geschwindigkeit und einer besseren Infrastruktur ansetzen, das ist das Um und Auf.“ Dazu komme, dass in Österreich gerne gerast werde und dieStrafen deutlich unter jenen anderer Länder liegen. In Klosterneuburg verunglücken jährlich 59 Radfahrende, in Lustenau 77 – also 30 Prozent mehr, aber bei einem vier- bis fünfmal höherem Radverkehrsanteil. Kurz: Radfahren ist in Lustenau also deutlich sicherer.

„Wenn du in der Schweiz Kinder gefährdest, landest du im Strafrecht oder auch im Gefängnis – und die Schweiz hat seit Jahrzehnten nur 60 Prozent der Verkehrstoten von Österreich“, stößt Fischer ins selbe Horn. „Was die Länder mit den niedrigsten Verkehrstotenzahlen verbindet, ist, dass sie Raserei gesellschaftlich und schmerzhaft ächten. Ich halte es für einen politischen Skandal, dass man im Nachbarland die Erfahrungen hat und sie bei uns nicht nutzt.“

Es braucht neue Regeln

Auch Milischowsky ist erschüttert, dass es bei der Gestaltung des öffentlichen Raums oft
nicht um die Rechte und die Sicherheit der Kinder gehe. Sie berichtete vom langen Kampf von Radlobby und Stadtgemeinde, Tempo 30 vor den Schulen auf Landesstraßen zu bekommen. Das gelang in Weidling, in der Albrechtstraße und zuletzt in Kritzendorf – wurde aber in Kierling erneut von den Behörden zurückgewiesen.

„Die Verkehrssachverständigen argumentieren laufend mit der ‚Leichtigkeit und Flüssigkeit‘ des Verkehrs, aber die Sicherheit der Kinder müsste eigentlich höhere Priorität haben“, meint Robatsch. „Wir brauchen einfach eine neue StVO, denn unsere aktuelle stammt aus den 1960er-Jahren und war ursprünglich nur für den motorisierten Verkehr da.“ Knoflacher ergänzt: „Das Problem in Niederösterreich sind die Sachverständigen, sie kommen meist aus der Mitte des vergangenen Jahrhunderts. Sie sind den Aufgaben nicht gewachsen, die mit ihrer Macht verbunden sind.“ Um den Radverkehr beurteilen und neue Anlagen planen zu können, müsse man selbst in die Pedale treten.

Weitere Erfolgsfaktoren

• Vision und Hartnäckigkeit: Man brauche langfristige Ziele, um die kurzfristigen zu erreichen, ist Fischer überzeugt. Fischers 15 Jahre alte Vision von einer Fußgänger- und Fahrradbrücke nach Au in der Schweiz wird im Jahr 2028 Realität.
• Vorbildwirkung: Fischer und seine Frau besitzen seit zehn Jahren kein eigenes Auto mehr – und sind damit in Lustenau nicht die einzigen. Als Bürgermeister gelang es ihm, „Radlust“ – so der Titel einer Imagekampagne der Marktgemeinde – zu verbreiten.
• Gemeinsam stark: Fischer und andere engagierte Politiker:innen im Rheintal konnten Gesellschaftsgruppen erreichen, die bislang als wenig radaffin galten. Aus der Vision entstand eine Bewegung, der sich auch Unternehmen anschlossen. Allein die Firma Blum im benachbarten Höchst schaffte in den vergangenen Jahren an die 4.000 Jobräder für ihre rund 8.000 Personen zählende Belegschaft an. O-Ton Fischer: „Wenn er bei Blum arbeitet und mit dem E-Bike fährt, kauft sie sich vielleicht auch eines – und man sieht recht rasch, dass die Familie auf ein Zweitauto oder überhaupt aufs Auto verzichten kann.“
• Kontrolle: Lustenau erzielt jährliche Einnahmen von rund einer Million Euro aus der Verkehrsüberwachung. Diese fließen in Maßnahmen für die aktive Mobilität. Die mobilen Radarboxen bezeichnet Fischer als „Co-Finanzierungs-Tools“ der Gemeinde.

Etwa 70 Personen nahmen am spannenden und bisweilen humorvollen Infoabend der Radlobby teil – und so manches Aha-Erlebnis mit nach Hause. „Wir hoffen, dass unsere Stadtpolitik vor allem einen von Kurts Sätzen nicht vergisst: ‚Kinder haben in der Demokratie keine Stimme. Aber die Politik hat die Verantwortung, ihre Stimme für sie zu erheben‘“, resümiert Robert Koch von der Radlobby Klosterneuburg. „Wir brauchen starke Maßnahmen für schwache Verkehrsteilnehmer:innen.“

Presseinformation

PI_Fahrradbürgermeister in Klosterneuburg.pdf

Pressefotos

Bild 1 Kurt Fischer radelt von Wien nach Klosterneuburg
Bild 2 Kurt Fischer trifft auf Bgm. Christoph Kaufmann und Vertreter:innen aller Parteien
Bild 3 Klaus Robatsch beim Infoabend
Bild 4 Sue Milischowsky argumentiert für ein kindersicheres Radverkehrsnetz
Bild 5 Moderatorin Ulrike Kobrna
Bild 6 Podium und Moderatorin
Bild 7 Kurt Fischer und Hermann Knoflacher im Gespräch
Bild 8 Podium
Bild 9 Podium lauscht der nächsten Frage
Bild 10 Podium beweist Humor

Fotocredit: Radlobby Klosterneuburg

 

Lernen von Österreichs Fahrradgemeinde Nr. 1