Mehrere Medien haben in den vergangenen Jahren über das „Wirtschaftswunder Fahrrad“ berichtet. Geht’s den RadfahrerInnen gut, geht’s der lokalen Wirtschaft gut, könnte man sagen. Warum das so ist, hat viele Aspekte – die Radlobby Klosterneuburg fasst die wichtigsten zehn zusammen.

1. Radfahrende kaufen lokal ein

38 Prozent der NiederösterreicherInnen kaufen laut der Studie „Radfahren und Einkaufen“ zumindest gelegentlich mit dem Fahrrad ein. Und sie kaufen vor Ort ein. „Fahrradfahrende Personen besuchen den lokalen Einzelhandel häufiger als PKW-EinkäuferInnen“, so die Studie, nämlich mehrmals pro Woche. Gekauft werden vor allem Güter des täglichen Bedarfs. Pro Einkauf geben Niederösterreichs RadfahrerInnen im Durchschnitt 26 Euro aus. Ein um ein Prozent höherer Fahrradanteil bringt dem lokalen Einzelhandel 0,2 Prozent zusätzliches Umsatzpotenzial.
Im Österreichschnitt lassen AutofahrerInnen derselben Studie zufolge zwar mehr Geld beim Einzelhandel, mancherorts aber auch gleich viel. Eine Studie aus London dagegen ergab, dass Radfahrende um 40 Prozent mehr im Zentrum einkaufen als Motorisierte. Auch in anderen europäischen Ländern kommen Untersuchungen zum Ergebnis, dass RadfahrerInnen inzwischen mehr Geld in Stadtzentren ausgeben als AutofahrerInnen.
Wichtige Kriterien für das Einkaufen mit dem Rad sind eine sichere Erreichbarkeit der Geschäfte und Einkaufsstraßen sowie ausreichend Fahrradabstellplätze. Im „Fahrradparadies“ Niederlande geben RadfahrerInnen mehr als fünfmal so viel aus wie in Österreich. Kurz: Bessere Bedingungen für Radfahrende sind ein wichtiger Schritt zur wirtschaftlichen Belebung von lokalen Einkaufsstraßen sowie von Dorf- und Stadtzentren.

2. Hohe Wertschöpfungs- und Arbeitsplatzeffekte

Im Jahr 2009 wies eine Studie im Auftrag von Umweltministerium und WKO österreichweit direkte und indirekte Wertschöpfungseffekte des Radverkehrs in der Höhe von 882,5 Millionen Euro und einen Beschäftigungseffekt von über 18.300 Arbeitsplätzen aus. Darin enthalten sind Fahrradproduktion, -handel und -service, Radtourismus und Radsport sowie Investitionen in die Radinfrastruktur. Allein in Niederösterreich sorgt das Radfahren für an die 100 Millionen Euro Wertschöpfung und über 2.000 Arbeitsplätze.

3. Radtourismus – ein Stiefkind in Klosterneuburg

Ein hoher Anteil der Wertschöpfungs- und Arbeitsplatzeffekte kommt dem Radtourismus zu. Der EuroVelo 6 führt durch Klosterneuburg – und die Strecke Passau–Wien erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit. Gerade im Corona-Jahr 2020 haben sich viele TouristInnen für einen Radurlaub entschieden. Leider kann dieses große Potenzial für Gastronomie, Beherbergungsbetriebe und Handel hierorts bislang nicht voll ausgeschöpft werden, da es an attraktiven Radverbindungen zwischen EuroVelo 6 und dem Stadtzentrum mangelt.
Oder in den Worten einer Radtouristin, die uns ein E-Mail schickte: „In der Stadt fühlt man sich als Radtourist leider alles andere als willkommen. […] Es fehlt hier an allem, was Radfahren sicher und angenehm macht. Klosterneuburg ist ein sehr negatives Beispiel und sollte von den empfohlenen Zielen der Donauradweg-Homepage entfernt werden.“

4. Rund 400.000 Fahrradverkäufe pro Jahr

Der Fahrradhandel darf sich seit vielen Jahren über wachsende Umsätze freuen. In den vergangenen Jahren hat auch die Zahl der Bike-Shops und Reparaturwerkstätten in Österreich stark zugelegt. Die Branche profitiert nicht nur vom E-Bike-Boom und der hohen Nachfrage nach Mountainbikes, sondern auch von der Bereitschaft vieler, für das eigene Rad 5.000 Euro und mehr auszugeben. Während für die einen die Alltagstauglichkeit im Mittelpunkt steht, sehen andere ihr Fahrrad immer öfter als Prestigeobjekt.
Auch (elektrisch unterstützte) Transportfahrräder sowie Kinder- und Lastenanhänger erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Es gibt in Österreich kaum einen Haushalt, der kein Fahrrad besitzt. In Klosterneuburg hat übrigens ein international rennomierter Hersteller von Kinder-Fahrrädern seine Zentrale.

5. Gesunde MitarbeiterInnen

MitarbeiterInnen, die mit dem Rad zur Arbeit fahren, sind in der Regel gesünder. Laut der British Health Foundation sinkt das Risiko für Diabetes, Krebs und Herz-Kreislauferkrankungen schon bei 30 wöchentlichen Radkilometern um die Hälfte. Zahlreiche andere Untersuchungen belegen ebenfalls positive Effekte für die Gesundheit – und damit letztlich auch auf Krankenstandstage. Sogar das Wachstum der grauen Zellen soll durch das Radfahren angeregt werden.

6. Platz sparen – Grundstücke gewinnbringend nutzen

Unternehmen können von radfahrenden MitarbeiterInnen auch durch die Einsparung von Firmen-Parkplätzen profitieren. Gerade in Klosterneuburg sind die Grundstückspreise hoch. Auf einem Autoparkplatz lassen sich zehn und mehr Fahrradabstellplätze unterbringen. Frei werdende Flächen können dann produktiver genutzt werden. Was eine gute Radabstellanlage ausmacht, finden Sie hier. Denn mit einem nagelneuen „Speichen- und Bremsscheibenmörder“ ist natürlich auch niemandem gedient.

7. Das Fahrrad als Marketingchance

HandwerkerInnen, die mit einem Lastenbike unterwegs sind, erregen noch immer Aufmerksamkeit. So werden mit hoher Wahrscheinlichkeit auch Werbeaufschriften auf dem Fahrzeug viel eher wahrgenommen als auf einem Kfz. In vielen Städten kommt auch die Pizza auf zwei Rädern ins Haus. Und nicht selten kommt sie früher an, weil Staus auf den Hauptstraßen umfahren werden. Eine Studie der TU Nürnberg im Auftrag der deutschen Logistikindustrie kam zum Ergebnis, dass ein Drittel aller Lieferfahrten mit dem Lastenrad möglich wären.

8. Förderangebote für UnternehmerInnen

• Die Förderaktion für Elektro-Zweiräder, Elektro-Fahrräder sowie Transporträder 2019/2020 läuft bis Ende des Jahres.

• Das Aktionsprogramm klimaaktiv mobil – Radverkehr und Mobilitätsmanagement läuft bis 26. Feb. 2021.

• Auch das Land Niederösterreich bietet eine Fördermöglichkeit für Radabstellanlagen vor Betrieben von bis zu 50 Prozent – und zwar im Rahmen von NAFES (Niederösterreichische Arbeitsgemeinschaft zur Förderung des Einkaufens in Stadt- und Ortszentren).

9. Die Klimakrise macht auch vor Klosterneuburg nicht halt

Die Klimakrise bedroht nicht nur den charakteristischen Säuregehalt des Grünen Veltliners. Schaffen wir es nicht, die Parisziele zu erreichen, droht uns ein Klima, wie es derzeit in Südeuropa herrscht. Die Zahl der Hitzetage – an denen Arbeit jeder Art zur Qual wird – hat auch in Österreich im vergangenen Jahrzehnt signifikant zugenommen. Mehr Hitze bedeutet auch mehr Krankheiten, die hierzulande bislang unbekannt oder nur selten zu diagnostizieren waren. Der Borkenkäfer hat schon jetzt leichtes Spiel beim Verspeisen von Fichten. Und werden ganze Regionen in Afrika und Asien unbewohnbar, ist mit einer Flüchtlingswelle bisher ungeahnten Ausmaßes zu rechnen. Die Klimakrise bedroht auch unsere Wirtschaft – und stellt gleichzeitig eine Chance dar, neue nachhaltige Wirtschaftsmodelle zu entwickeln.

10. Die Zeit ist reif für eine mutigere Fahrradpolitik

Radfahren ist keine Frage der Parteifarbe. Auch manche ÖVP-StadtpolitikerInnen nutzen das Fahrrad oft für ihre Wege in der Stadt. Etliche der in unserem Positionspapier aufgezeigten Verbesserungsvorschläge für den Radverkehr werden von unseren lokalen Wirtschaftsvertretern begrüßt, wie ein eineinhalbstündiges angeregtes Gespräch mit der WKO Klosterneuburg ergab.
Klosterneuburg hat im STEK 2030+ festgeschrieben, dass der Anteil von Fuß-, Rad- und öffentlichem Verkehr (von derzeit 30) auf 55 Prozent erhöht werden soll, doch bislang fehlt das Konzept, wie dieses Ziel erreicht werden kann. Die Radlobby Klosterneuburg lädt daher alle UnternehmerInnen der Stadt ein, gemeinsam mit uns den Ausbau und die Verbesserung der Radinfrastruktur voranzutreiben.

Sie haben als UnternehmerIn gute Ideen oder Probleme mit der Stadtgemeinde bei der Umsetzung Ihrer Vorhaben rund ums Rad? Dann kontaktieren Sie uns (klosterneuburg@radlobby.at) oder nehmen Sie an unseren Teamtreffen teil!

 

Quellen und weiterführende Literatur:

https://www.bmlrt.gv.at/dam/jcr:312a3473-e6b5-4f7f-8281-26bb82aa8737/Studie_20Radfahren_20und_20Einkaufen%5B1%5D.pdf

http://wko.at/wknoe/handel/homepagehandel/Einkaufen_und_Radfahren.pdf

https://www.fahrradland-bw.de/fileadmin/user_upload_fahrradlandbw/4_Daten_und_Fakten/ECF_Beispiele_fu__r_Rad_und_einkaufen.pdf

https://www.fahrradwien.at/wp-content/uploads/sites/2/2017/02/klimaaktivmobil_transportrad_A5_fuer_barrierefrei__B3-1.pdf

https://www.forbes.com/sites/carltonreid/2018/11/16/cyclists-spend-40-more-in-londons-shops-than-motorists/?fbclid=IwAR0b3YbliCzmhiEVfH4wQsKdMg_tx6J-ChJnFT735vYEV_S2Iz9OWBkW9tQ#68f5fcbd641e

https://www.fahrradland-bw.de/daten-fakten/gute-argumente/radfahren-ist-wirtschaftlich/

https://repository.difu.de/jspui/bitstream/difu/126458/1/DB0801.pdf

https://www.trend.at/leben/kultur/fahrrad-wirtschaftswunder-raedern-5619695

Fotos: Radlobby Klosterneuburg, KlimaEntLaster

Was das Radfahren der Wirtschaft bringt